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Nachlese

Der ÖHV-Kongress 2019 zum Nachlesen und Revue passieren lassen

 
Das mondäne Casino Velden bot diesmal die farbige Kulisse für die Eröffnung des Kongresses 2019 der Österreichischen Hoteliervereinigung. Die größte Branchenveranstaltung Österreichs, die traditionell das touristische Jahr einläutet, war auch diesmal stark besucht. Mehr als 500 Teilnehmer waren trotz teils schwieriger Wetterbedingungen aus allen Richtungen an den Wörthersee gekommen. Das in Zeiten von „Overtourism“-Diskussionen durchaus aktuelle und Spannung versprechende Kongressmotto lautete diesmal „Rethink Tourism“.

„Der Rückhalt und das Verständnis der Bevölkerung für den Tourismus sind uns wichtig. Es geht darum, die Balance zu halten. Darum haben wir uns rechtzeitig dieses Themas angenommen und eine Studie in Auftrag gegeben“, spielte Präsidentin Michaela Reitterer in ihrer Eröffnungsrede auf das Phänomen Overtourism, das touristische Schlagswort der Stunde, an. „Wir hinterfragen, bevor uns andere hinterfragen. Dadurch gewinnen wir ein Wissen, das wir gerne auch an die Politik weitergeben“, sagte die kurz zuvor bei der Generalversammlung einstimmig in ihrer Funktion bestätigte Präsidentin.

„RETHINK TOURISM“ – Was denkt Österreich?
Wie wird Österreichs Tourismus von außen wahrgenommen, was denken Herr und Frau Österreicher? Petra Kacnik-Süß, CEO des Marktforschungsunternehmens „MindTake“, hat dazu im Auftrag der ÖHV eine Studie durchgeführt, die am Eröffnungstag präsentiert wurde. Um es mit den Worten der Studienautorin gleich vorweg zu sagen: Die Ergebnisse sind „ein wunderbarer und vielversprechender Ausblick auf die heimische Freizeitwirtschaft. Die Branche ist wirklich in allen Bereichen vorne weg“. Einige Beispiele: 80,6 Prozent sehen generell positive bis sehr positive Auswirkungen des Tourismus, stolze 86 Prozent meinen, er fördert regionale Arbeitsplätze und 68 Prozent bescheinigen ihm die Förderung von Nachhaltigkeit. Die überwältigende Mehrheit erwartet weiterhin ein gutes Wachstum. Topwerte erzielt der Tourismus auch beim Thema Krisensicherheit. „Die Österreicher haben Vertrauen in den Tourismus als Wachstumsfaktor, der auch andere Branchen mitzieht.

In Österreich verfolgt man den richtigen Weg, fasste die Studienautorin die vielen erfreulichen Detailergebnisse zusammen. Die Branche besitze nicht nur eine gutes Image, sondern auch einen Platz im Herzen der Österreicher. Qualitätstourismus werde anerkannt. Dank der ausgeprägten Identifikation sei Österreich auch entfernt von „Overtourism“. Am ehesten angebracht sei ein „Rethinking“ bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen und dem Image von Berufsbildern in der Branche.

Die Präsentation von Petra Kacnik-Süß zum Download finden Sie hier.

„Palmen statt Almen?“
Tourismusministerin Elisabeth Köstinger zu den Herausforderungen für den österreichischen Tourismus
Tourismusministerin Elisabeth Köstinger, nach 2018 zum zweiten Mal Gast beim ÖHV-Kongress, gratulierte Michaela Reitterer herzlich zur Wiederwahl. Es war uns ein Anliegen, so die Ministerin, Fehler der Vergangenheit gutzumachen und dem Tourismus seinen angestammten Platz zu geben. Nach der MWSt-Reduktion war dies die Flexibilisierung der Arbeitszeit. Und nach ein paar Monaten lässt sich sagen, das funktioniert wirklich gut, hob die Ministerin hervor. Ein weiterer Schwerpunkt war die Schaffung eines strategischen Rahmens in Form eines „Tourismus-Masterplanes“. Das abgelaufene Jahr wurde dafür intensiv genutzt. Präsentiert werden soll der Plan am 21. März. „Die Strategie ist aber kein Endpunkt, sondern ein Startschuss für eine neue Qualität. Dazu werden wir aber die Unterstützung eines jeden Einzelnen brauchen“, wandte sich Köstinger an das anwesende Fachpublikum. Noch viel Potenzial sieht die Ministerin im Bereich der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit. „Wir unterstützen eine Kreislaufwirtschaft, die auch einen wirtschaftlichen Erfolg bringt“. Mobilität und Verkehr lassen sich, so Köstinger, unschwer als weitere Schwerpunkt- und Zukunftsthemen erkennen.

Weiter vertieft wurden die Gedanken in einem Podiumsgespräch von Ministerin Köstinger mit ÖHV-Präsidentin Reitterer und ÖGZ-Chefredakteur Mag. Thomas Askan Vierich als Moderator.

„Palmen statt Almen?“. Es wird wärmer, was kann man tun? Wie lassen sich die Saisonen ausweiten? Wie Köstinger sagte, werde das Ministerium die Entwicklung von Zusatzangeboten unterstützen. Niemand brauche Angst vor Veränderungen haben. Einig war man sich darüber, dass es klare Regeln für die Plattformindustrie braucht. Gleiche Rechtsbedingungen für alle, wie Reitterer betonte. Als besonderes Anliegen bezeichnete die ÖHV-Präsidentin, die Lehre „positiv aufzuladen“ und einen Imagewandel herbeizuführen. Weiters sollte die Hotellerie mehr Förderung für die Mitarbeiterausbildung bekommen. Schließlich sei es notwendig, die zu langen Abschreibungen an die Lebensrealität anzupassen oder zumindest an die deutschen Verhältnisse anzupassen. „Ich bin zuversichtlich, dass wir auch in dieser Frage im Gespräch mit dem Finanzminister zu einer guten Lösung kommen werden“, antwortete Köstinger auf dieses von Präsidentin Reitterer vorgebrachte dringende Anliegen der heimischen Hotellerie.

Kärntens Tourismuslandesrat Mag. Ulrich Zafoschnig und der Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser rundeten den Abend mit einem kurzen Überblick über den Tourismus ihres Bundeslandes ab. Hervorgehoben wurde insbesondere das neue Standortmarketing, das Industrie und Tourismus dieses Landes erfolgreich verbindet. Verbesserte Strukturen fördern schließlich auch die Vereinbarkeit von Tourismus und Nachhaltigkeit.

Congress Center Villach
Zusammenfassung der Referate von Montag, 14.1.19


Eröffnung
Michaela Reitterer, ÖHV-Präsidentin

„Nicht die ÖHV ist nahe an der Regierung, sondern die neue Regierung ist nahe bei der ÖHV. Sie ist wirtschafts-, standort- und wettbewerbsfreundlich. Man fragt rechtzeitig nach, bevor es zu spät ist“, freute sich Präsidentin Michaela Reitterer in ihrer Ansprache zur Eröffnung der Tagung im Congress Center Villach. Nach Jahrzehnten von Steigerungen der Steuerlast gebe es erstmals wieder Entlastungen. Den Rückhalt der Bevölkerung haben wir, betonte die Präsidentin unter Hinweis auf die am Vortag vorgestellte Studie. „Wir stehen weiter für Qualitätstourismus. Dieser ist es, der den Massentourismus abhält“. Wie sie in einem kurzen Rückblick sagte, stehen auf der Haben-Seite die Rückabwicklung der USt-Erhöhung, das Verbot der Ratenparität auf Online-Buchungsportalen, die Aufwertung des Lehrberufes und die Regionalisierung der Mangelberufsliste. Am Problem der überlangen Abschreibungsfristen kiefle die Branche allerdings immer noch. Hier wolle man zumindest die Anwendung der „deutschen Tabelle“. Auch sei es dringend an der Zeit, sich nach immerhin 10 Jahren Airbnb wirklich intensiv mit diesem Phänomen zu beschäftigen.

Trends and Innovation in Hospitality
Herman Konings, Trendresearcher

Mit einem charakteristischen Bild Peter Bruegels aus 1563, das Menschen des ausklingenden Mittelalters in pittoresken und satirischen Situationen zeigt, leitete der wortgewandte belgische „Trendwatcher“ Herman Konings seine Betrachtungen über den Zeitenwandel ein. Früher habe man buchstäblich mehr Zeit gehabt. Heute verliert man diese durch Staus. Die Leute stehen heute früher auf, schlafen weniger, sind aber abends dann „zu müde zum Joggen“. Die junge Generation tendiert zur Rückbesinnung auf frühere Trends und kauft Vinyl-Schallplatten und Bücher in real existierenden Buchhandlungen. „In five years buying local will beat online“, sagte der Trendforscher in seinem auf Englisch gehaltenen Vortrag. Erstmals seit 2002 gingen 2017 wieder mehr Leute in Reisebüros. Breiten Raum nahm die Charakterisierung der verschiedenen „Generationen“ ein, von den alten „Master Boomers“ über die „Babyboomer“ (die jetzigen Entscheidungsträger) bis zu deren Kindern, den „Millennials“. Letztere, die „digital aborigines“, leben in einem „We-topia“, einem „World Wide We“, frei nach dem Motto „The more we share the more we have“. Die Zahl der Führerscheininhaber geht zurück, Studentenheime und ähnliches boomen. Der Zukunftsforscher schloss seine Überlegungen mit einem Ausblick auf die verschiedenen Szenarien und Auswirkungen der A.I. (Artificial Intelligence). In der Tourismusbranche werde aber auch in Zukunft die „Empathie“ entscheiden. Diese kann durch A.I. zwar unterstützt, aber niemals ersetzt werden.


Die Präsentation von Herman Konings zum Download finden Sie hier.

Cradle to Cradle als Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft
Prof. Dr. Michael Braungart, international tätiger Umweltforscher

Prof. Braungart, Pionier des Cradle to Cradle Prinzips, zog mit seinem unorthodoxen Referat rasch das Publikum in seinen Bann. Bei „Cradle to Cradle“ geht es darum, Dinge zu machen und herzustellen, die schön, innovativ und qualitätsvoll sind. „Wir müssen lernen, nützlich zu sein, nicht ´weniger schädlich´. Die Natur ist unser Partner, nicht unsere Mutter. Hören Sie auf, die Natur zu romantisieren“, riet er dem etwas verblüfften Auditorium. Bezogen auf den Tourismus bedeute dies: Der Gast ist der Freund, übertriebenes Herausstellen von Nachhaltigkeit könne den Gast zum Feind machen. „Ein Gast reist mit einem Allrad-SUV an und Sie sagen, dass Sie ein Ökohotel sind. Das passt nicht zusammen“, nannte Braungart ein Beispiel. Besser sei es, zu überlegen, wie man den Kunden zum Freund machen (und als Hotelier die Qualität sichern) kann.

Nachhaltigkeit, so der Vortragende, optimiert (nur) das Bestehende. Echte Innovationen jedoch ändern dieses. Es gehe darum, die Innovation in Qualität umzusetzen. „Warten Sie nicht auf die Politik, werden Sie selber aktiv“. Dazu brauche es eine entsprechende industrielle und gewerbliche Basis für die Hotellerie. Richtig sei es, für die Hotellerie Kreislauf-geeignete Produkte zu schaffen und einzusetzen, z.B. kompostierbare Druckprodukte. Sonst mache man das Falsche. Dies sei die Grundidee des Cradle to Cradle Prinzips, betonte der in Hamburg und Lüneburg tätige Referent.


Die Präsentation von Michael Braungart zum Download finden Sie hier.

Rethink food - Genuss, Lebensmittelkultur und regionale Netzwerke
Cyriacus Schultze

Jeder Hotelier hat heute mehr Daten zur Verfügung denn je zuvor. Trotzdem gibt es noch viel unnützen Ballast, etwa beim Einchecken. Man konkurriere aber mit der ganzen Welt, es sei notwendig, Perspektiven zu wechseln und Querdenken zuzulassen. Viele Maßnahmen sind gar nicht kostspielig, aber trotzdem wirkungsvoll. Zu beobachten sind die langfristigen Trends von 5 bis 10 Jahren. Zu den Gewinnern zählen „Bio“ und „fair trade“, aber auch „free from“-Produkte (beispielsweise frei von Laktose, Zucker oder Nüssen). Weitere Trends sieht Schultze in einem zunehmenden Eventcharakter von (Wochen-)Märkten oder in der Neuinterpretation der „bürgerlichen Küche“. Ein weiterer Gewinner, der sich abzeichnet, ist das sogenannte „Spiritual Food“ (gemäß den Kriterien „koscher“, „halal“, etc). Mögliche Trends sind „Fleisch“ aus einem 3 D-Drucker oder „Urban Farming“ an Häuserfronten unter Verwendung von Nutzpflanzen. Viele neue Trends ortet Schulze bei den Gaststätten. Dabei dreht es sich meistens um das Essen zuhause („Fast Casual Dining“), das mit Hilfe neuer Dienste (UBER, Foodora) geliefert wird. Was da angeboten wird, hat manchmal sogar Haubenniveau. Neue Gästegenerationen haben neue Ansprüche und suchen besondere Erlebnisse („memories of a lifetime“), entsprechend dem Jugendwort „Yolo“ (you only live once). Für die Zukunft kann Schultze insgesamt fünf Megatrends erkennen:
  • Do it yourself wird zu „done for you“ (man kommt dem Gast entgegen),
  • ungefilterte Überraschungen („no-filter-experiences“),
  • kulinarischer Tourismus, geht bis zum gemeinsamen Kochen im Hotel
  • full time traveling, man unterscheidet nicht mehr so stark zwischen Reisen und Freizeit
  • Digitalisierung, Einsatz persönlicher digitaler Assistenten; virtual reality
„Aber machen Sie nicht jeden Trend mit. Bleiben Sie authentisch!“, gab Schultze den Zuhörern abschließend mit auf den Weg. Und: „Re-think food!“.

Die Präsentation von Cyriacus Schultze zum Download finden Sie hier.

Slow Food Village - Spinner oder Winner?
Christian Kresse, GF Kärnten Werbung
Slow Food ist heute eine weltweite Bewegung mit einer Million Unterstützern und 100.000 Mitgliedern in 160 Ländern. Kresse und sein Team haben, um den Slow Food Gedanken („gut, sauber, fair“) weiter zu entwickeln und für Gäste besser erlebbar zu machen, eine „Slow Food Travel“-Pilotregion im Kärntner Lesachtal ins Leben gerufen. Noch fehlt es allerdings an Partnern und Followern, weshalb Kresse jetzt in verschieden Bereichen, auch in Schulen, für seine Idee wirbt. Diese sieht der Pionier als „eine Bewegung und Dynamik für eine verantwortungsvolle Ernährungs- und Esskultur in Kärnten“. Teil des Projekts sind zehn Slow Food Villages. Dafür ausgesucht wurden, so Kresse, die zehn engagiertesten Gemeinden des Bundeslandes.

Die Präsentation von Christian Kresse zum Download finden Sie hier.

„Gut, sauber, fair“ - wer braucht das im Tourismus?
Barbara van Melle, Obfrau Slow Food Wien
Nach den Worten von Barbara van Melle - Unternehmerin, Journalistin und engagierte Slow Food-Aktivistin - geht es darum, Slow Food und andere Food Trends „von der Oberflächlichkeit zu lösen“. Die Kärntner Initiative sei dafür ein gutes Beispiel, alle ziehen an einem Strang. Auch die Jungen machen mit. „Es gibt so viele Schätze. Und es ist gelungen, diese Schätze zu heben“, zeigte sich die Obfrau des Slow Food Convivium Wien zuversichtlich über den weiteren Siegeszug der Non Profit Organisation und deren Ideen.



Diskussionsrunde: Nachhaltigkeit durch regionale Lebensmittel?
Sepp Schellhorn, Nationalratsabgeordneter und Hotelier
Hannes Royer, Obmann „Land schafft Leben“
DI Peter Traupmann, GF Österreichische Energieagentur
Moderation: Barbara van Melle


Das mitunter konfliktbeladene Verhältnis von Tourismus und Landwirtschaft stand im Mittelpunkt der anschließenden Diskussionsrunde. „Niemand ist gegen Regionalität. Doch findet er nicht die Produkte aus der Region, die er haben will. Dies ist eine Folge jahrelanger schlechter Agrarpolitik“, kritisierte Schellhorn einleitend: „Wir sind überreguliert“. Regionale Produkte, so Schellhorn weiter, lassen sich nur in einem kleinen Betrieb authentisch anbieten. Dies muss mit Ehrlichkeit verbunden sein und wird im Optimalfall von sinnstiftenden Erzählungen und Erklärungen begleitet. Royer bedauerte, dass „regional’“ nur für einen engen Umkreis von rund 60 km gelte. Dies sei nicht zu Ende gedacht, man müsse diese Grenze viel weiter ziehen. Vor allem auch in Hinblick darauf, dass sich die Alpenregion allein nicht regional ernähren kann. Erst wenn man alle Bundesländer zusammenfasst, sei eine - diesfalls allerdings viel weiter gezogene - Versorgung mit „regionalen Produkten“ möglich.

Traupmann warf ein, dass man, überspitzt gesagt, die regionalen Nahrungsmittel mit russischem Erdöl produziere. „Das kann´s nicht sein. Wir müssen Alternativen suchen und unsere Energieeffizienz stärken, um unsere Abhängigkeit zu reduzieren“. Auch Lieferanten sind zur Verantwortung zu ziehen, Transparenz ist einzufordern.

Lebensmittel aus der Region sind um 20 Prozent teurer, kritisierte Schellhorn. Es brauche daher andere Strukturen und ein Bekenntnis zum richtigen Preis. Die Politiker müsse man fragen: „Was ist euch das wert?“. In der Schlussrunde betonte Royer nochmals die Bedeutung des Regionalen gerade für den Tourismus. Es sei traurig, dass Essen nicht mehr kosten darf. „Wir sind alle gefordert, jeder kann durch bewusste Kaufentscheidungen viel verändern. Oft geht es nur um wenige Cent“. Schellhorn plädierte für ein anderes System der Besteuerung. Letztlich sei die Preisdurchsetzung entscheidend. „Wir müssen die Bereitschaft zeigen, für Essen mehr zu bezahlen“.


Zusammenfassung der Referate von Dienstag, 15.1.2019

Overtourism: Der größte Feind des Tourismus ist sein Erfolg
Prof. Dr. Harald Pechlaner

„Wir selbst sehen uns anders. Touristen sind immer die anderen. Also worüber diskutieren wir?“, leitete Pechlaner sein mit Spannung erwartetes Referat zum Thema Overtourism - einer der Schwerpunkte dieses Kongresses - ein. Das Phänomen habe stark mit gefühlten Obergrenzen und grundsätzlich mit der Beziehung Gast - Gastgeber zu tun. Doch lasse sich die Situation nicht verallgemeinern. Es gehe ja immer um den besonderen Fall. Und Venedig sei überhaupt ein Spezialfall. Die eigentliche Frage, die sich stellt, lautet: Welchen Tourismus wollen wir?

Overtourism ist kein neues und auch kein rein touristisches Problem, vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Frage. Die häufiger werdende Kritik sieht Pechlaner als Folge einer gestiegenen gesellschaftlichen Sensibilität. „Immer mehr Menschen haben genug vom oberflächlichen Reisen. Und viele der Bereisten wünschen sich eine spürbare Begrenzung“. Schwache Signale des „overcrowding“ habe es schon früher gegeben. Diese wurden aber kaum wahr- und vor allem nicht ernstgenommen. Inzwischen ist das „gefühlte Zuviel“ ein breit diskutiertes Thema geworden.

Anzusetzen ist nach den Worten des in Österreich, Deutschland und Südtirol forschenden Professors primär bei der Tourismusgesinnung. Die in vielen Fällen erwünschte Besucherlenkung ist als Managementproblem zu verstehen. Eine Lösung sieht Pechlaner in einer Erweiterung des mit diesem Problem befassten Personenkreises. Das Motto dazu sollte sinngemäß lauten: „Vom Destinations- zum Lebensraummarketing“.


Die Präsentation von Harald Pechlaner zum Download finden Sie hier.

Diskussionsrunde:
Overtourismus - wohin wollen wir uns entwickeln?
Dr. Petra Stolba, Österreich Werbung
Andreas Gferer, Arthotel Blaue Gans, Salzburg
Prof. Dr. Harald Pechlaner

Mit sichtlichem Interesse verfolgt wurde die nachfolgende Diskussionsrunde. Petra Stolba sprach sich dafür aus, die Ungleichgewichte („unbalanced tourism“) über eine verstärkte Kommunikation zu lenken. Es gehe darum, wie der öffentliche Raum geteilt wird. Die ÖW-Chefin verwies dabei auf Versuche, etwa in Amsterdam, die Besucherströme aktiv über APPs zu managen. Auf der Basis einer datengetriebenen Verfolgung der Besucherströme sollte es möglich sein, in einem weiteren Schritt diese Ströme optimal zu lenken und damit zu entzerren. Grundsätzlich betrachtet sei das Phänomen Overtourism als Anzeichen eines Paradigmenwechsels im Tourismus zu werten. Andreas Gferer monierte, dass in der Overtourism-Diskussion vieles in einen Topf geworfen wird. Salzburg selbst schwanke zwischen einem „Undertourism“ im Jänner und „Overtourism“ in anderen Monaten. Gefragt für Salzburg sei ein Maßnahmenbündel, beginnend mit einem guten Bus-Management. Pechlaner stimmte zu, das es schwierig sei, eine Balance zwischen Tages- und Aufenthaltstourismus zu finden und sprach sich gegenüber Gferer für eine klare Lösung aus: „Wenn der Bus kommt, dann soll er zahlen. Und vielleicht sogar ordentlich“. Aus dieser Frage ergibt sich, so Pechlaner, bereits die nächste Diskussion: „Wie umgehen mit einer Bevölkerung, die unterschiedlich betroffen ist?“. Hier helfe ein Dialogmanagement, das unterschiedliche Lösungen anbietet. „Das Tourismuszeitalter ist noch immer nicht an seinem Höhepunkt angelangt. Wir werden uns weiteren Diskussionen stellen müssen. Dabei geht es auch um die Frage der ´caring capacity´. Wichtig sind nicht Obergrenzen, sondern ein klug steuerndes Management“, fasste Pechlander zusammen.

Mehr Nachhaltigkeit - niedrigere Kosten?
Prof. Dr. Sara Dolnicar, Universität von Queensland, Australien

Tourismus steht unter den Umweltverschmutzern weltweit an 5. Stelle und verursacht 8 Prozent aller Treibhausgase. Die objektiven Probleme sind also evident. Für den Großteil der Reisenden gilt der Tourismus andererseits subjektiv als „Sehnsuchtserfüller“, als Raum, in dem ich gewissermaßen eine Pause mache und mich auch anders benehme als sonst im Leben. Wie Analysen gezeigt haben, helfen Appelle an das Umweltgewissen der Leute deshalb so gut wie nichts. Besser als zu ‚„predigen“ ist es, die Leute in die gewünschte Richtung zu „stupsen“ („nudging“).

Beispiele für erfolgreiches nudging sind
  • Änderungen in der Infrastruktur. Kleinere Teller bringen 20 Prozent weniger Essensabfälle und eine entsprechende Kostenreduktion
  • Gewünschtes Verhalten trickreich propagieren: Die Leute auffordern, ruhig öfter zum Buffet zu gehen (besser als nur einmal, und dabei viel - und meist zu viel - aufzuladen)
  • In der Öffentlichkeit vor anderen Reisenden gemachte Versprechen, sich umweltgerecht zu verhalten, durch „Abzeichen“ belohnen. Dies erspart viele Wäscheladungen.
  • Stempel (Dolnicar: „Kinder lieben Stempel!“) vergeben, wenn keine Essensreste überbleiben. Als Gegenleistung ein kleines Geschenk
  • Weniger Zimmerreinigung, dafür Getränkegutscheine. Dieser Schritt brachte in einem Versuch 42 Prozent weniger Kosten bei der Zimmerreinigung, ohne dass die Gästezufriedenheit gesunken wäre. Ein zusätzlicher Appell an das Umweltgewissen der Leute brachte übrigens keinerlei weitere Steigerung bei den Einsparungen.
  • Dienstleistungsstandards ändern („defaults“) und die „Faulheit“ der Gäste ausnützen. Diese mussten, wenn sie welche wollten, Baumwollservietten extra abholen. Nur wenige machten von diesem Angebot Gebrauch. Die Kosteneinsparung lag bei sensationellen 95 Prozent. Erfolgreich auch folgende Ansage: Wir reinigen Ihr Zimmer nicht täglich. Aber wenn Sie wollen, machen wir das gerne für Sie. Dieser „Deal“ kam gut an und verringerte die Reinigungskosten schlagartig um 14 Prozent.

Wie die in Australien tätige slowenisch-österreichische Tourismusprofessorin zusammenfasste, ist der Urlaub eine Ausnahmesituation, in welcher Appelle an Werte und Einstellungen nicht sehr effektiv sind. Besser funktionieren soziale Normen und vor allem Nudging-Ansätze: „Kleine Unterschiede im Angebot können einen großen Unterschied machen“.


Die Präsentation von Sara Dolnicar zum Download finden Sie hier.

Nächster Programmpunkt in dem vom Thema Nachhaltigkeit stark geprägten Kongressprogramm war die

Diskussionsrunde Nachhaltigkeit in der Praxis
Ernst Walter Schrempf, Hotel Schloss Thannegg im Ennstal
René Mayrhofer, Manager und „Captain Green“ von Wombat´s
Michaela Reitterer, ÖHV-Präsidentin und Boutiquehotel Stadthalle

Energieautark durch Alternativenergien wie eine Grundwasserwärmepumpe, Wärmerückgewinnung durch Abluft, nahezu CO2-freier Betrieb - das sind einige der Kennzeichen des Hotels Schloss Thannegg, mit denen Schlossherr Ernst Walter Schrempf und seine Familie schon zahlreiche Umweltauszeichnungen eingeheimst haben. Statt auf Wachstum habe man schon von Anfang an auf eine ausgesprochen umweltfreundliche Entwicklung gesetzt. Sein Rat an das Fachpublikum: Die Klimaentwicklung im Auge behalten und bei Zukunftsinvestitionen auf umweltbewusste Gäste setzen. Der junge „Starmanager“ Mayrhofer hat, wie er sagte, den Menschen im Mittelpunkt, und zwar nicht nur die Gäste, sondern auch die Mitarbeiter. Durch Neuorganisation der Arbeitsabläufe wurden 20 bis 60 Prozent der Kosten eingespart. Es habe sich eine Dynamik ergeben, die zahlreiche Ideen und Entwicklungen angestoßen hat. Wie Michaela Reitterer, Chefin von Wiens führendem Öko-Boutiquehotel, sagte, sei der Kongress eine gute Gelegenheit gewesen, das Thema Nachhaltigkeit unter verschiedenen Aspekten erneut aufzugreifen und ins Bewusstsein zu bringen. „Jeder kann etwas ändern, und wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist“. Besonders hob Reitterer die vom Tourismusministerium unterstützte ÖHV-Aktion „Zeichen setzen: für eine plastikfreie Hotellerie“ hervor. Es gehe darum, hier gemeinsam ein deutliches Zeichen zu setzen.

Rethink Unternehmertum - der Mensch als Ganzes
Prof. DDr. Christian Schubert

Die westliche Welt tickt maschinenideologisch. Es zählt oft nur das Sichtbare, Zählbare. Schubert vertritt hingegen einen Paradigmenwechsel hin zur Beziehungsmedizin. Laut dieser biopsychosozialen Betrachtungsweise (fußend auf George L. Engel) ist „Stress“ ein Zeichen für Überforderung, das Verhalten („sickness behaviour“) und Psyche verändert. Dies erfordere ein „rethink Unternehmertum“: „Lesen Sie die Symptome richtig, wenn ein Mitarbeiter mit Anzeichen von Erschöpfung zu Ihnen kommt“. Es gehe nicht darum, die Symptome zu beseitigen, sondern die psychischen Ursachen zu verstehen. Besonders schlimmer Stress wird durch lange Pflege schwerkranker Angehöriger verursacht. Und jeder negative Stress hemmt die Immunfunktion und fördert Entzündungen. Schubert forderte die Zuhörer auch zum „Rethink Familienunternehmen“ auf. 80 Prozent der EU-Unternehmen sind in Familienhand, die Übergabe auf die nächste Generation glückt bei 66 Prozent, auf die dritte Generation aber nur mehr bei 10 bis 37 Prozent. Gerade in Familienbetrieben würden sich eine Reihe von Problemen auftun. Dazu zählen die Gefahr der Rollenvermischung und eine stark praxisorientierte Kommunikation, in welcher die Beziehung im Mittelpunkt steht. „Die Zugehörigkeit ist unkündbar“. Um daraus möglicherweise entstehende Stresssituationen zu vermeiden, brauche es, so Schubert, positive Beziehungen, Autonomie, eine Kontrollierbarkeit der Umwelt, persönliche Entfaltung, ein sinnvolles Leben sowie Selbstakzeptanz. Wie der Psychologe und Psychotherapeut zusammenfasste, sorge Arbeitszufriedenheit jedenfalls dafür, dass Entzündungswerte niedrig sind. Die vorherrschende „Maschinenmedizin“ müsse sich grundlegend ändern und durch vernetztes Denken und das Verstehen von Zusammenhängen ergänzt werden.


Die Präsentation von Christian Schubert zum Download finden Sie hier.

Sinn und Glück als Faktoren der Nachhaltigkeit im eigenen Leben
Dr. Roman Braun

Der Psychologe, Philosoph und Pädagoge Roman Braun beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Wechsel von „sinnlos“ zu „sinnvoll“, und wie es in Privat- und Berufsleben möglich ist, Sinnloses zu vermeiden und Sinnvolles zu suchen. Nachhaltiges Glück lasse sich durch Erfolg, Entwicklung („leiste besser, leichter, lieber und lernender“) und Beziehungen erreichen. Schon durch „Kleinigkeiten’“, wie ein besseres Wording, könne man viel erreichen. Wie Braun in einem humorvollen „Feldversuch“ mit den anwesenden Tagungsteilnehmern zeigte, hilft es, den „happiness advantage“ (lautes Jubeln!) zu nützen. Aber solchen befreienden Äußerungen stehe oft der „innere Schweinhund“ entgegen. Dieser („das ganze ist ja blöd, kommt mir blöd vor“) muss überwunden werden. Was die Frage der Beziehungen betrifft, ist deren Pflege essentiell und ein wesentlicher Punkt jeder Selbstfürsorge.


Die Präsentation von Roman Braun zum Download finden Sie hier.

Farewell
ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer dankte zum Abschluss allen Referenten, Kongressteilnehmern und dem ÖHV-Team für den großartigen Verlauf der Veranstaltung. Besonderes Beifall fanden die von den Schülern der Tourismusschulen während der Tagung hergestellten Videos. - Und es gibt ein Wiedersehen in einem Jahr, beim ÖHV-Kongress 2020 vom 12. bis 14. Jänner im Festspielhaus in Bregenz.